Bollywood

Jodhaa Akbar

© Rapid Eye Movies

Drama
IND 2008, 205 min.
R/D: Ashutosh Gowariker
B/C: Hrithik Roshan, Aishwarya Rai, Sonu Sood, Nikitin Dheer
K/DoP: Kiran Deohans
P/P: Ronnie Screwvala, Sunita Gowariker
M/M: A. R. Rahman


Selbst der Inhalt eines gewaltigen Historienepos lässt sich eigentlich in einem Satz zusammenfassen: Die grenzenlose Liebe führt nicht nur die Herzen des mächtigen muslimischen Herrschers Akbar und der benachbarten hinduistischen Königstochter Jodhaa zusammen, sondern auch zwei Kulturen und Religionen. Bollywood erzählt die Geschichte des Großmoguls, der im 16. Jahrhundert den Grundstein für das heutige Indien legte, in monumentalen 205 Minuten. Regie-As Ashutosh Gowariker, dessen Spielfilm ‚Lagaan – Es war einmal in Indien’ im Jahr 2002 für den Oscar nominiert war, liefert mit ‚Jodhaa Akbar’ bildgewaltigen, spannenden und emotionalen Geschichtsunterricht. Seine Prinzessin wird von einer echten Schönheitskönigin, der bezaubernden Aishwarya Rai, dargestellt. Und Herzensbrecher Hrithik Roshan schlüpft ins Gewand des großen Herrschers, der noch heute als Symbolfigur für Diplomatie und Toleranz verehrt wird und unter dem Indien eine kulturelle Blütephase erlebte. Erste Erwartung: Großes Kino der Superlative.

Der Stuttgarter Indien-Experte Andreas Leitz hält die im Film geschilderten Probleme Akbars mit seinen Glaubensgenossen, die er durch seine Hochzeit mit einem Hindumädchen hatte, durchaus für wahrscheinlich: „Akbar war der mächtigste und vermutlich weiseste Mughal-Herrscher, den Indien je hatte. Es war die goldene Zeit für Musik, Literatur und Kunst. Dank seiner Duldsamkeit und Großzügigkeit verschmolzen Sufi, Muslim und Hinduismus in allen Kunstgattungen und sogar im Essen. Nur knapp 150 Jahre dauerte diese Blütezeit. Dann verbot Aurangzeb Musik und Kunst als teuflisch und verhängte darauf die Todesstrafe.“ Das Mughal-Reich dauerte bis 1857. Ein Enkel Akbars baute das legendäre Taj Mahal.

Akbar, eigentlich Jalaluddin Muhammad, musste nach seines Vaters Tod als Teenager im zarten Alter von 13 Jahren auf den Kaiserthron des nordindischen Reichs. Jahre später gelingt es dem Muslim, mehrere hinduistische Reiche Hindustans zu unterwerfen, die ihre Religion behalten durften. Der Rajput-König Bharmal will sein Volk nicht in einem Krieg gegen den Mughal-Kaiser opfern. Seine Tochter Jodhaa soll die Gemahlin des Kaisers werden. Obwohl es keine Liebe auf den ersten Blick ist, stimmt Jodhaa dem Plan ihres Vaters zu. Akbar akzeptiert die Braut und deren Bedingungen – sie will ihren hinduistischen Glauben behalten und in ihren Gemächern einen kleinen Tempel errichten. Die Hochzeit endet ohne Liebesnacht. Für den Kaiser brechen schwere Zeiten an: Seine islamischen Gelehrten laufen Sturm gegen die doppelte Religion im Staate. Der Muslim lässt seine Palast-internen Widersacher töten. Ein Schachzug, um die Herzen des Volkes und seiner Ehefrau zu gewinnen, bringt ihn einen großen Schritt weiter. Jalaluddin Muhammad schafft die Pilgersteuer für Hindus ab und wird fortan Akbar genannt.

Für das 400 Millionen Rupien teure Monumentalwerk machte Regisseur Gowariker gern Zugeständnisse an das große Publikum und kommt so inhaltlich nicht an den feingeschnitzten Filmklassiker ‚Mughal-E-Azam’ aus den 1960er Jahren heran, in dem die Bollywood-Legende Prithviraj Kapoor den Herrscher Akbar verkörpert. Gowariker orientiert sich vielmehr an den großen westlichen Heldenfilmen der vergangenen Jahre, etwa ‚Troja’ oder ‚Der Herr der Ringe’. Die gewaltigen Schlachten steigert er bis zur blutigen Kampforgie, in der Elefanten schon mal den Kopf eines Kriegers zerquetschen dürfen. Was in Hollywood aus dem Computer gezaubert wird, realisiert der Regisseur mit echten Menschen, Tieren und guten Tricks. Die üppigen Kriegsgemälde decken ein Manko des Films auf: Der Cutter hatte gelegentlich ein unglückliches Händchen. Ließ auch jene Sequenzen im Film, die deutlich zeigen, wenn den Darstellern die Puste ausging oder sie ins Unvorteilhafte abrutschten. Blicke dauern Ewigkeiten und das Warten auf den Filmkuss des Liebespaares wird zur unendlichen Geschichte. Vielleicht liegt es daran: Im wahren Leben hatte Akbar an die 200 Ehefrauen, was Regisseur Gowariker unterschlägt. Er habe mehr eine thematische Umsetzung als einen faktischen Historienfilm gedreht, entgegnet er seinen Kritikern. In seiner Reduzierung des Themas auf die muslimisch-hinduitische Liebesbeziehung wollte er ein klares kulturelles und kein historisches Statement schaffen. Leider kommt der Soundtrack eher lahm daher, geht es im Film doch um eine Blütezeit der Musik. Komponist A. R. Rahman, eigentlich eine feste Größe im internationalen Bollywood-Showbiz, überzeugt aber mit dem Song ‚Azeem-O-Shaan Shahenshah’.

Aishwarya Rai (Jodhaa) kennt die Welt längst als eines der Gesichter von L’Oreal. Die ehemalige Miss India und Miss World wirbt für Pepsi und Fuji Films; sie startete ihre Leinwandkarriere im Tamil-Film, wechselte dann zum Mainstream-Hindi-Kino und glänzte in Bollywood-Streifen wie ‚Hum Dil De Chuke Sanam’, ‚Taal’, ‚Guru’ und internationalen Produktionen wie ‚Liebe lieber indisch’, ‚Die letzte Legion’ und ‚Pink Panther 2’. Für Jodhaa ist sie die Idealbesetzung. Einen sympathischen Akbar gibt Hrithik Roshan, Sohn des Produzenten und Regisseurs Rakesh Roshan. Mit dem Kinohit ‚Kabo Naa Pyaar Hai’ schaffte er den großen Durchbruch und agiert nunmehr in der Championsleague der Superhelden. Sein Werbepartner Coca Cola baute ihn zum Konkurrenten Shah Rukh Khans auf. Mit seiner Rolle als Sternenkind „Koi Mil Gaya“, einem geistig zurückgebliebenen Jungen, wurde er zum Liebling aller Kinder. Hrithik Roshan, einer der besten Tänzer und Schauspieler Bollywoods, überzeugt als Akbar durch sein bestens durchdachtes Spiel.

Mit seiner Liebe zum Detail, der großen Spannung und den famosen Hauptdarstellern gelang Regisseur Gowariker ein Mega-Hit auf der Leinwand. Um vom Leben an Akbars Hof zu erfahren, warteten die Inder in Schlangen vor den Kinos. Der Erzählstil begeisterte das Publikum in den modernen Metropolen ebenso wie jene Zuschauer, die noch so einfach wie vor Jahrhunderten auf dem Land leben. Auch dieser Spagat glückte Gowariker (weitere Filmerfolge ‚Swades’, ‚Baazi’ und ‚Pehla Nasha’).

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