Bollywood

Swades

© Rapid Eye Movies

Drama
IND 2004, 187 min.
R/Dir: Ashutosh Gowariker
B/C: Shah Rukh Khan, Gayatri Joshi, Kishori Balal, Smit Sheth, Peter Rawley
B/S: Ashotosh Gowariker, M. G. Sathya
K/DoP: Mahesh Aney
M/M: A.R. Rahman

Wie ein rotes Tuch wirkte ‚Swades’ (Heimat) auf das indische Publikum. Eigentlich ist es ein ambitionierter Beyond-Film, der mit den Namen großer Leinwand-Götter wie Shah Rukh Khan auftrumpft und im Stil des Bollywood-Mainstreams inszeniert wurde, fiel aber trotzdem bei den Zuschauern durch. Mit den Augen der westlichen Welt porträtiert Erfolgsregisseur Ashutosh Gowariker (‚Jodhaa Akbar’, Oscar-Nomminierung für ‚Lagaan’) das einfache Leben und die alltäglichen Probleme der traditionsbewussten Bewohner eines Dorfes abseits der modernen Metropolen. So tickt Indien. Wer in diesem Vielvölkerstaat mit 1,2 Milliarden Einwohnern und 28 Bundesstaaten soziale Konflikte lösen oder lindern möchte, muss grundsätzlich umdenken, weil er mit seinen westlichen Maßstäben nicht weit kommt. Wenn auf dem Subkontinent in einem kleinen Dorf ohne Wasser, Strom, Schule und Krankenstation das Kino-Zelt aufgebaut wird, schauen sich die Menschen immer noch streng nach Kasten getrennt den Film an. Die einen sitzen in der linken Hälfte, die anderen in der rechten, obwohl seit Jahrzehnten das Kastensystem abgeschafft ist. Die Armen bleiben draußen.

In Indien öffnete diese filmische Hymne an die Heimat weder die Augen noch die Herzen der Zuschauer für soziale Missstände; vielmehr reagiert das Publikum verstört: das Schicksal will, so glauben sie, dass alle ihr Leid ertragen müssen, damit im nächsten Leben eine bessere Zukunft beginnt. Wer die Qualen lindern will, bringt diesen ewigen Kreislauf, der mit der Wiedergeburt bessere Perspektiven verspricht, in Gefahr. Indien mit seinem Nebeneinander vieler Kulturen, Völker und vier großen Religionen verharrt seit Jahrhunderten gesellschaftlich in den alten Traditionen, während Wissenschaft und Wirtschaft im Zuge der Globalisierung auch hier zusammenwachsen. Schon die christlichen Missionare im 19. Jahrhundert scheiterten an diesem Konflikt. Erst wenn dieses grundsätzliche Problem der gesellschaftlichen und kulturellen Erneuerung oder Weiterentwicklung gelöst ist, können all die anderen Probleme angepackt werden. Die Gewohnheiten will niemand ändern, sinniert Shah Rukh Khan als Hauptdarsteller. Mit diesen Worten bringt er im Film seine große Liebe zum Schweigen; sie weiß, dass er hier Recht hat. So wandelt Regie-Ass Gowariker auf einem schmalen Grat. Sein Blick auf das Leben der anderen folgt einer ungewohnten Perspektive. Für die Story und die Darsteller birgt dieser mutige Blickwinkel eine Gefahr: Die Identifizierung mit den Protagonisten fällt schwer und Lösungen fern jeglicher Theorie können nicht angeboten werden.

Shah Rukh Khan spielt Mohan, einen indischen Klimaforscher, der in Amerika bei der NASA arbeitet. Die Sehnsucht zieht den erfolgreichen Wissenschaftler für drei Wochen in seine alte Heimat. Er will nicht nur sein Dorf und die Freunde aus der Kinderzeit wieder sehen, sondern sein altes Kindermädchen zu sich in die USA holen. Eigentlich eine klassische Back-To-The-Roots-Story. Kaum dem Flugzeug entstiegen, fühlt er sich fremd und missverstanden. Seine neuen Lebensgewohnheiten bauen keine Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Misstrauen begegnet ihm. Die alte Dame Kavariamma freut sich sehr, als ihr ehemaliger Schützling wieder auftaucht. Gita, seine Freundin von einst, ist eine schöne, moderne Frau geworden, die als Lehrerin Schulkinder unterrichtet und gegen die Vorurteile der herrschenden Kasten ankämpft. Sie lebt mit Kavariamma und ihrem kleinen Bruder Chikku zusammen, bewertet kritisch den Alltag im Dorf, respektiert aber die alten Ordnungsstrukturen. Gita wirft Mohan vor, er wolle ihrem kleinen Bruder die Ersatzmutter wegnehmen und Kavariamma in Amerika als billige Haushaltskraft ausbeuten.

Nun kommt die Liebe ins Spiel. Mohan erliegt dem Charme der intelligenten Gita. Um ihr zu imponieren, setzt er sich mit den Augen eines Amerikaners mit den Alltagsproblemen der Dorfbewohner auseinander. Als Weltverbesserer will er die Grenzen der Kasten niederreißen. Den Kindern macht er den Schulbesuch schmackhaft. Mit den Dorfbewohnern baut er eine Stromversorgung. Langsam taut Gita auf. Dennoch liegen zwischen Beiden Welten. Mohan verfolgt das eigene Wohl. Gita will der Gemeinschaft dienen. So entwickeln sich zwischen ihnen Dialoge, die sehr viel Theorie und Kritik vortragen. Es geht um die Rolle von Mann und Frau in Ost und West. Sie diskutieren über die Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft, Gerechtigkeit, Staatsformen und den Stellenwert von Bildung, Kultur und Tradition. Tenor: Jeder muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, um etwas zu erreichen. Kluge und mutige Rededuelle packt der Regisseur auch in gewohnt bildstarke Bollywood-Gesangsszenen. Die Sache hat nur einen Haken: Was auf der Leinwand vordergründig funktioniert, lässt sich nicht aufs reale schicksalsergebene Leben übertragen. Mohans Urlaub endet. Er reist zurück in die neue Welt. Doch das Heimweh plagt ihn.

'Swades' erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen. Shah Rukh Khan wurde beim Filmfare Award als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Doch selbst der Preisregen ebnete nicht den Weg des Films zum Publikum.

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