
| Datum: | 23. Juli 2011 |
|---|---|
| Zeit: | 16:00 Uhr |
| Ort: | Saal Cardiff (Millennium Hotel) |
ACHTUNG: Die Veranstaltung wird in englischer Sprache gehalten!
Bollywood kommt nach Deutschland
Die Verbreitungswege des indischen, kommerziellen Kinos – von europäischen und amerikanischen Medien ‚Bollywood’ getauft – veranschaulicht, wie sich nicht-westliche Produzenten globale Netzwerke aneigneten, um einen ‚Gegenstrom’ in der westlichen Welt einzuleiten und Befürchtungen hinsichtlich der homogenisierenden Wirkung der Globalisierung abzuschwächen. Während indische Filme in Hindi und Tamil schon seit den 1930er Jahren unterschiedliche Gegenden der Welt erreicht haben, ist die ‚Bollywood-Invasion’ in Europa, Nordamerika und Australien ein Phänomen der Jahre nach 1995. Die Geschwindigkeit und Leichtigkeit, mit der Bollywood seit den 1990er Jahren auch in die entlegensten Winkel der Welt eingefallen ist, hat das Genre zu einem Bestandteil der globalen, populärkulturellen Bilderwelt gemacht.
Indiens Kinoexporte gehören eher in die jüngere Geschichte der globalen Handelsströme. Dennoch verfügt Deutschland über einen viel älteren Bezug zum indischen Kino und zwar über die Verbindung zwischen dem deutschen Filmemacher Franz Osten und Himanshu Rai, Pionier des indischen Kinos. Ebenso soll der symbolische Import für das deutsche Publikum von Raj Kapoors ‚Awara’ (1951) die geringe Anzahl der zu dieser Zeit nach Deutschland exportierten Filme kompensiert haben. Trotz der intensiven indisch-deutschen Zusammenarbeit und obwohl seit den 1950er Jahren ein Rinnsal von populären Filmen nach Deutschland floss, wurden indische Mainstream-Filme erst Mitte der 1990er Jahre in Deutschland populär, nachdem sie als Bollywood-Filme neu definiert wurden.
Nachdem das Bollywood-Kino 2004 mit der Ausstrahlung von Karan Johars 'Kabhi Khushi Kabhi Gham’ fast 2 Mio. Haushalte erreichte, sind Bollywood-Filme bei der deutschen Jugend in Mode gekommen, besonders bei jungen Frauen. Die momentane Beliebtheit von Bollywood-Filmen in Deutschland macht es der Zielgruppen- und Rezeptionsforschung dadurch schwer, dass sie losgelöst ist von einer südasiatischen Diaspora und damit von Konzepten wie Heimat, Zugehörigkeit und Identität, welche bislang den Zustrom von Bollywood-Filmen angezogen hatten. Es ist auch wichtig zu betonen, dass der Einzug von Bollywood in Deutschland über die Arthouse-Schiene stattgefunden hat und obwohl die Bollywood-Zielgruppe in Deutschland klein ist, ist sie stark engagiert im Bereich von Fan-Aktivitäten und im Ausüben kultureller Praktiken wie Tanz, Gesang oder Motto-Partys.

Anjali Gera Roy ist Professorin im Department of Humanities of Social Sciences beim Indian Institute of Technology Kharagpur. Sie hat Essays in den Bereichen Literatur, Film und Kulturwissenschaften veröffentlicht, Kurzgeschichten aus dem Hindi übersetzt, ist Autorin eines Buches über afrikanische Belletristik, Herausgeberin einer Anthologie über den nigerianischen Autoren Wole Soyinka und Mitherausgeberin einer Anthologie über den indo-kanadischen Romanautor Rohinton Mistry. Neu veröffentlicht hat sie u.a. ‚Partitioned Lives: Narratives of Home, Displacement and Resettlement’ (2008, zusammen mit Nandi Bhatia) über die Spaltung Indiens 1947 und eine Monographie mit dem Titel ‚Bhangra Moves: From Ludhiana to London and Beyond’ (2010). Sie erforschte die internationalen Handelsströme des Bollywood-Films auf Basis eines Senior Visiting Fellowship beim Asia Research Institute der National Universtity of Singapore und hat zusammen mit Chua Beng Huat eine Anthologie herausgegeben zum Thema ‚Travels of Indian Cinema: From Bombay to LA’ (2011) sowie einen Essay-Band mit dem Titel ‚Bollywood's Soft Power: At Home and Beyond’ (2012). Zurzeit ist sie zu Gast in Deutschland und arbeitet als Professorin mit einem Stipendiat des Südasien-Instituts der Universität Heidelberg am Thema Bollywood in Deutschland.